Volk, Völker, am Völkesten - Über die irreführende Analyse der \"Gesellschaft für bedrohte Völker\"

26.10.1999

Dieser Text richtet sich entschieden gegen die \"Gesellschaft für bedrohte Völker\". Wir gehen dabei davon aus, dass es durchaus sein kann und sogar sehr wahrscheinlich ist, dass viele Mitglieder dieser Organisation von edlen Idealen bewegt sind und dass darüber hinaus die Arbeit vor Ort, die von etlichen dieser Mitglieder z.B. gerade in Kosovo geleistet wird, hilfsreich und notwendig sein kann.

Doch uns geht es hier um grundsätzliche Kritik an den Konzepten, die Voraussetzung für die Arbeit vor Ort sind. Diese Arbeit können wir nicht hinterfragen, doch sehr wohl die Frage stellen, ob sie hiermit ein Übel bekämpfen wollen, wofür sie eigentlich selber mitverantwortlich sind.

\"Für Menschenrechte, Emanzipation, Selbstbestimmung\" hiess das Motto der Gesellschaft in den späten Siebzigern, als ihre Zeitschrift \"pogrom\" noch von namhaften Linken wie Helmut Gollwitzer oder Ernst Bloch herausgegeben wurde.

Diese Gesellschaft wird zusätzlich oft in den Medien gepriesen. So im Freitag von 15 Oktober 1999: \"Theodor Fründt von der GfbV besucht das Zeltlager und ist sofort umringt von den Bewohnern. (...) Schon sagt einer, herausfordernd: \'Wir wollen, dass der Mann hierbleibt, der einzige, der sich richtig um uns kümmert.\'\"

Gerade aber das Beispiel Kosovos ist exemplarisch geeignet, um zu zeigen, wie falsch und reaktionär der Ansatz ist, auf dem die Praxis der GfbV beruht. Denn hier ist eine ethnisierte Vertreibung durch andere ersetzt worden.

Dabei bezieht sich der Begriff \"Volk\" bei dieser Gesellschaft stets auf die \"Volksgruppen\" und \"autochthonen Minderheiten\" d.h. etwas, das irgendwie mit einem unverwechselbaren Naturzustand zu tun hat und nicht sozial konstruiert ist.

Dieser Begriff \"Volk\" impliziert geradezu eine erwünschte Nichtvermischung mit anderen. Somit besteht seine Eigendynamik in Ausgrenzung und Negation anderer. Der Begriff \"Volk\" fördert noch dazu eine notwendige Ethnisierung des Sozialen. Durch die Definition des Anderen wird das Eigene aufgebaut. Darüber hinaus, gibt es dort, wo \"Volk\" ist und sich erhalten will, wenig oder keinen Raum für politisch-ökonomische Analysen. Diese reduzierte Sicht kultureller und ethnologischer Sachverhalte ist bequem, naiv und gefährlich zugleich.

Die Möglichkeit einer Koexistenz verschiedener Kulturen auf einem Gebiet wird damit gleich als unmöglich erklärt. Diese Eigendynamik der Ausgrenzung bedeutet aber zugleich die Vernichtung der Möglichkeit, eine oder mehrere Kulturen enstehen zu lassen, wenn wir davon ausgehen, dass zur jeglicher Kultur eine Vermischung und Verschmelzung mit anderen bedeutet. So ist es, mit diesem Volksverständnis, für jeglich neue Kultur schnell zu spät.

Nicht mal der selbstgewählte Name der Organisation mag uns einleuchten, denn jegliches \"Volk\", das als Naturerscheinung definiert ist und nicht als sozialkulturelles Konstrukt gedeutet wird, ist definitionsgemäss bedroht - vom Aussterben nämlich. Jedes Volk ist bei dieser Gesellschaft bedroht - nicht zuletzt das deutsche Volk selbst. Hierzu sind die Beziehungen der Gesellschaft zu den Vertriebenenverbänden zu beachten.

Ein strategischer Rückzug auf eine defensive ethnische Identität in minoritären Gemeinschaften zeigt sich dabei nicht nur ideologisch bedingt, sondern vor allem politisch wirksam. Eine ethnische Identität zu verteidigen, nämlich die deutsche, tat auch der Mob, als er Brandsätze in Rostock-Lichtenhagen warf.

Dass diese Politik der \"zweiten Menschenrechtsorganisation Deutschlands\" (Eigenwerbung) eine reaktionäre Volkstümelei sein muss, wollen wir mit diesem Text gezeigt haben. Diesen Rassismus ohne \"Rassen\" wollen wir bekämpfen.

Diese Politik kann, konsequent durchdacht,nur zu einem Menschenrechtsimperialismus führen, die gerade das auslöst, was sie zu bekämpfen vorgibt: ethnisierte Vertreibungen.

Für uns bleibt es dabei:

kein \"Volk\", kein Reich, kein Führer!

2. Teil

Im ersten Teil dieses Textes sind wir auf den theoretischen Überbau der GfbV eingegangen und kamen zu dem Schluß, daß dieser reaktionär und gefährlich ist. Im zweiten Teil nun wollen wir zeigen, wie sich diese reaktionären Überlegungen in der Praxis auswirken. Als Beispiel dient uns das Verhalten der GfbV zu den Kriegen in Jugoslawien.

»Das Selbstbestimmungsrecht ist nichts als eine Waffe. Man nutze jede aus den Minderheitsproblemen erwachsende Spannung. Man schüre nationale und rassische Konflikte, wo man kann. Jeder Konflikt wird Deutschland, dem neuen selbsternannten weltweiten Hüter der Ehre, Freiheit und Gleichberechtigung, in die Hände spielen.«\ Franz Neumann 1944

Ganz dem sog. \"Selbstbestimmungsrecht der Völker\" verpflichtet, unterstützte die \"Gesellschaft für bedrohte Völker\" die Sezession jedes \"Volkes\" auf dem Balkan und damit die Zerschlagung Jugoslawiens. In ihren vielbeachteten Medienkampagnen forderte sie immer wieder die NATO zu Bombenangriffen, auf die ihrer Meinung nach einzigen Schuldigen an den \"Völkermorden\", auf: \"Den Serben\".[1] In ihrer Propaganda legitimierte sie solche Forderungen mit Vergleichen mit den Verbrechen des deutschen Faschismus. Die GfbV relativiert damit die Verbrechen des NS-Faschismus. Ein besonders widerliches Beispiel dieser Relativierung gab die GfbV ausgerechnet auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, wo sie auf Transparenten Karadzic, Milosevic, Stalin und Hitler gleichsetzte. Bei solch einem Umgang mit der deutschen Vergangenheit verwundert es nicht, daß 1995 bekannt wurde, daß der ehemalige Naziverwalter des Ghettos Kolomea in Polen, dem die Mitverantwortung für den Tod von 30 000 Juden vorgeworfen wird, im Beirat der GfbV arbeitete. [2]\ Wenn nun die von der GfbV als \"bedrohten Völker\" definierten Gruppen einen eigenen Staat, oder auch nur ein von der NATO überwachtes Protektorat zugestanden bekommen haben, begannen meist erneut ethnisierte Vertreibungen, wie in Kroatien oder im Kosovo. Die GfbV war nun völlig überrascht und bestürzt vom Verhalten ihrer Schützlinge und verlangte jetzt den Schutz der aktuellen Vertreibungsopfer. Das ethnisierte Vertreibungen aber eine logische Konsequenz ihrer Politik sein müssen, kann sie dagegen nicht verstehen, denn das hieße ihren gesamten Politikansatz in Frage zu stellen. Insgesamt läßt sich sagen, daß die Politik der \"Gesellschaft für bedrohte Völker\" im Jugoslawienkonflikt die gleiche ist, wie sie von den Vorfeldorganisationen des völkischen deutschen Imperialismus, wie der \"Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen\" (FUEV) und dem \"Europäischen Zentrum für Minderheitsfragen\" (EZM) vertreten wird. Da verwundert es auch nicht, daß die GfbV enge Kontakte zu beiden Organisationen unterhält.[3] Was alle drei Gruppen verbindet, ist der Grundsatz, daß das \"Volk\" über dem Staat steht und deshalb das Recht zur Sezession hat. In der Konsequenz bedeutet das ein \"ethnische Parzellierung\" der europäischen Nationen in Regionen und Territoralparzellen und die Vorherreschaft des einzigen Staates, der nicht zerlegt werden soll; Deutschland.

La Banda Vaga, 1999

[1] vgl. Andreas Selmeci. Die Kosovaren brauchen unsere Solidarität, Slobodan Milosevics dritter Völkermord muß gestoppt werden. In: Progrom 202 Januar-März 1999\ [2] vgl. Hubert Brieden. Gewehr bei Fuß. In: Junge Welt vom 29.10.1999\ [3] vgl. Walter von Goldenbach und Rüdiger von Minow. Von Krieg zu Krieg. Die deutsche Außenpolitik und die ethnische Parzellierung Europas. Dritte Auflage Berlin 1999

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